20.03.11 | 16:01 Uhr | Auf dem Weg

Copyright

Über Diebstahl sprachen wir schon. Das hier gehört eigentlich Johann Wolfgang von Goethe. Wolfgang Schlüter hat es zitiert, und ich konnte nicht widerstehen … und hab’s mitgenommen:

“Das ist die Welt: / Sie steigt und fällt / Und rollt beständig; / Sie klingt wie Glas – / Wie bald bricht das! / Ist hohl inwendig. / Hier glänzt sie sehr, / Und hier noch mehr.”

Kolja Mensing

20.03.11 | 15:26 Uhr | Leipziger Buchmesse

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Kolja Mensing

20.03.11 | 15:10 Uhr | Leipziger Buchmesse

Welt aus Glas

Auch Wolfgang Schlüter ist – wie Martin Pollack – ein Grenzgänger im doppelten Sinne des Wortes.

Für seinen neuen Roman “Die englischen Schwestern” ist er mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung nach Tschechien gereist, um in Böhmen zu recherchieren. Doch Böhmen ist tatsächlich nur einer von zahlreichen Schauplätzen und Nebenschauplätzen in dem 400 Seiten schweren Roman, der seine Leser auf Reisen von Berlin bis nach Neapel, von den USA über Irland bis nach Wien und weiter in den Osten nimmt – und das alles dann auf verschiedenen Zeitebenen zwischen der Gegenwart und dem späten 18. Jahrhundert.

Das klingt verwirrend?

Sagen wir es so: Dieses Buch ist recht komplex. Wolfgang Schlüter – Jahrgang 1948, Übersetzer und Schriftsteller –  ist auch ein Grenzgänger im ästhetischen Sinne.

Darüber hat er heute mit Guido Graf am Arte-Stand gesprochen: über die Lust an unterschiedlichen Erzählstimmen, über die Transformation von Musik und Malerei in Literatur und wieder zurück und über die mikroskopisch fein gearbeiteten Details, aus denen sein großformatig angelegtes Werk zusammengesetzt ist.

Nur ein Beispiel: das Geschenk, dass der Landschaftsmaler Johann Peter Hofmeister im Jahre 1785 von seiner Schwester Dorothea bekommt, als er nach Italien aufbricht, “eine tabatiére aus schwarzem bein, mit einem goldenen reifen und einer unter glas auf elffenbein gehaltenen miniatur einer nächtlichen scene, in einer mondhellen einsamen gasse stehen zwei schwarzgekleidete männer in betrachtung des wolkigten nachthimels versunken als horchten sie auf eine serenata eine nachtmusique.” Die Kleinschreibung ist Absicht, die Rechtschreibfehler sind historisch legitimiert und mit Bedacht gesetzt: “Genauigkeit”, sagt Wolfgang Schlüter, “hat für mich als Schriftsteller etwas mit Reichtum zu tun.”

Wie entsteht so ein Roman? Ganz einfach, ganz kompliziert: mit der Zeit.

Wolfgang Schlüter erzählt von Reisen, die seine Eltern in den fünfziger Jahren mit ihm nach Italien unternommen haben, von der Landschaftsmalerei, die er als Teenager entdeckt hat, von Automaten aus dem 18. Jahrhundert, die er irgendwann einmal in einem Museum in Wien gesehen hat, von Lektüreerlebnissen, Straßennamen, Begegnungen mit Menschen.

Und er erzählt – mit Blick auf die Details – von einer Schallplatte “mit 17 cm Durchmesser”, die er einst im Schrank seiner Eltern entdeckt hatte. Es handelt sich dabei, so Schlüter, um eine Aufnahme aus “aus den Archivbeständen der Deutschen Grammophon Gesellschaft”, Mozarts Quintett c-Moll, “Köchelverzeichnis 617″, bei der ein sonderbares Instrument namens Glasharmonika zum Einsatz kommt: Rotierende Gläser in unterschiedlichen Größen werden mit dem angefeuchteten Finger berührt und so in Schwingungen versetzt.

Die Geschichte dieses Instruments hat Wolfgang Schlüter in seinen Roman eingearbeitet. Ein paar Takte aus dem Quintett waren bei der Lesung dann auch am Arte-Stand zu hören.

Es war ein schöner, fragiler Abschluss einer Messe, auf der es immer wieder um Splitter und Scherben ging, um politische, literarische und biografische Bruchstücke. Die zerbrechlich schimmernden Klänge lösten sich aus dem babylonischen Stimmengewirr  an den Ständen und schwebten gen Himmel, bis sie mit einem feinen, leisen Klirren am sonnenbeschienenen Glasdach der Messehalle zersprangen.

Kolja Mensing

20.03.11 | 14:45 Uhr | Leipziger Buchmesse

Rückkehr der Angst – mahnende Worte des Preisträgers Martin Pollack zum Abschluss der Leipziger Buchmesse

Für viele war das Thema der Rede des Preisträgers des diesjährigen “Leipziger Buchpreises für Europäische Verständigung” überraschend. Eindringlich hatte Martin Pollack davor gewarnt, die Autoren Weißrusslands und der Ukraine im Stich zu lassen. In diesen beiden Ländern gebe es ein Roll-Back sämtlicher demokratischer Errungenschaften. Nicht nur die Repressalien gegen Dichter und Schriftstellerinnen in Weißrussland mache ihm Angst. Er höre auch die Hilferufe aus der Ukraine. Nie, so habe ihm der bekannte ukrainische Autor, Jury Andruchowytsch, geschrieben, habe er sich vorstellen können, dass die in der “Orangenen Revolution” erkämpften Freiheiten dem Volk so schnell wieder genommen werden könnten. Auch in der Ukraine würden inzwischen wieder Autoren eingeschüchtert, verhaftet und mit dem Tode bedroht. Mirko Schwanitz sprach mit Martin Pollack über die Situation weißrussischer und ukrainischer Autoren und seine Motivation, gerade dieses Thema zum Inhalt seiner Rede zu machen:

"Wir dürfen nicht wegsehen" - Preisträger Martin Pollack

"Wir dürfen nicht wegsehen" - Preisträger Martin Pollack

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Mirko Schwanitz

20.03.11 | 14:00 Uhr | Leipziger Buchmesse

Wozu Lyrik in der heutigen Zeit?

Auf dem Balkan schein die Lyrik von Dichterinnen beherrscht zu sein. Auch in Montenegro ist die literarische Arbeitsteilung klar verteil: die Männer schreiben die Romane, Frauen die Gedichte. Ist das eine neue Weiblichkeit, eine neue Körperlichkeit? Nein, nur ein Zufall, sagt Jelena Nelević. Ihre Gedichte sind kühle präzise Beobachtungen des Alltags. Ein Beitrag.

Jelena Nelević

Jelena Nelević

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Mirko Schwanitz

20.03.11 | 11:18 Uhr | Unter Menschen

Postmoderne Vetternwirtschaft

Keine Buchmesse in Leipzig ohne Balkannacht.

Das ehemalige Kino UT Connewitz ist bis an den Rand gefüllt. Vor dem Eingang drängen sich die Zuschauer, die nicht mehr eingelassen werden können, und Ledia Dushi – das ist die albanische Dichterin, die den gegischen Dialekt spricht und schreibt –  besänftigt die Menge erst einmal mit einem Volkslied aus ihrer Heimat.

Es ist kurz nach 20 Uhr, eigentlich soll es auf der Bühne losgehen. Doch es gibt ein Problem. Agron Tufa, auch er kommt aus Albanien, hat das Buch mit seinen Gedichten im Hotel vergessen. “So geht es zu auf dem Balkan”, begrüßt Moderatorin Alida Bremer die Zuschauer: “Aber darum sind Sie ja schließlich gekommen.”

“Der Balkan rockt”, das ist der Titel, unter dem die Veranstaltung in diesem Jahr steht. Also, bitte: Nur keine Angst vor Klischees. Folkloristische Flötenklänge und chaotische Politik, Nostalgie, Punk und Poesie, das alles gehört dazu, genauso wie die Parodie auf einen hemmungslos korrupten Kulturbetrieb. “Vetternwirtschaft”, kommentiert Alida Bremer die Programmänderungen zu Beginn des Abends mit einem strahlenden Lächeln: “Dann fangen wir eben mit Olja Savičević an – sie ist nämlich in Split geboren, genau wie ich!”

Die Kroatin Olja Savičević, Jahrgang 1974, liest aus “Lebt wohl, Cowboys”, einem Western mit doppelt umgekehrten Vorzeichen. Schauplatz ist der wilde Osten, der Held eine Heldin.

Das kann man festhalten: Das postmoderne Spiel mit literarischen Genres steht auf dem Balkan und in den angrenzenden Ländern immer noch hoch im Kurs. Der Serbe Vladan Matijević  – auch er liest an diesem Abend – liefert Kapitalismuskritik in Form einer  erotischen Novelle, der Exil-Bulgare Vladislav Todorov nähert sich seiner Heimatstadt Sophia aus der Perspektive eines Gangster-Romans.

Vor allen Dingen spielen sie alle begeistert das Balkan-Spiel mit. Und zwar nicht nur die Schriftsteller, sondern auch alle anderen, die an diesem Abend beteiligt sind.

Als Agron Tufa schließlich mit einer Stunde Verspätung auf die Bühne kommt, erklärt seine Dolmetscherin, warum es nicht ganz einfach war, auf die Schnelle noch eine Ausgabe mit seinen Gedichten aufzutreiben. “Ich befürchte, ich bin schuld”, sagt sie: “Ich habe das letzte Exemplar am albanischen Stand heute morgen geklaut.”

Großer Applaus. Der Balkan rockt.

Kolja Mensing

20.03.11 | 10:30 Uhr | Im Gespräch

Urbane Visionen in der Edition Balkan des Dittrich Verlages

Es ist ein einzigartiges Experiment, das der Dittrich-Verlag in seinem Programm hat – die Edition Balkan. Hier erscheinen in regelmäßigen Abständen osteuropäische und hierzulande vor allem unbekannte Autoren. Mit der Edition Balkan wird Neuland betreten. Alle Titel sind Neuübersetzungen bisher im deutschen Sprachraum noch nie übersetzter Autoren, oder besser gesagt von Autoren, die bisher nicht mit eigenen Titeln vertreten waren. Fast allen Titeln gemeinsam ist, dass die Autoren samt und sonders in den Metropolen Osteuropas wohnen. Und so sind auch die literarischen Helden dieser Bücher von der Stadt geprägt. Mirko Schwanitz sprach mit dem bulgarischen Autor Vladislav Todorov, dessen Roman “DIe Motte” soeben in der Edition erschienen ist, über sein Buch und urbanen Visionen:

"Ich glaube nicht an die Rückkehr ländlicher Helden" - Vladislav Todorov

"Ich glaube nicht an die Rückkehr ländlicher Helden" - Vladislav Todorov

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Mirko Schwanitz

20.03.11 | 10:08 Uhr | Auf dem Weg

Japan, zum Ende

Vor dem Eingang des Pressezentrums befindet sich eine Terrasse mit einem kleinen Parkplatz für die Limousinen des Shuttle Service. Gleich daneben wehen die Flaggen der Länder, die in Leipzig auf der Messe vertreten sind, ein schönes Bild, vor allem vor blauem Himmel. Das fiel mir erst zum Ende der Messe auf: Die japanische Fahne hängt auf Halbmast.

Kolja Mensing

20.03.11 | 08:58 Uhr | Leipziger Buchmesse

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Kolja Mensing

19.03.11 | 22:47 Uhr | Auf dem Weg

Der Geschmack der Straße

Ein erster Eindruck von der Balkannacht: Vladislav Todorov  ist ein bulgarischer Schriftsteller, der in Pennsylvania Kunstgeschichte unterrichtet. Er ist geschätzte zwei Meter zehn groß, er trägt Armeehosen zu einem glattrasierter Schädel, und sein Englisch hat einen extrabreiten amerikanischen Akzent.

Der Roman, aus dem er vorliest, heißt “Dzift”. Das ist das bulgarische Wort für Asphalt. “I don’t know what’s your experience”, sagt Vladislav Todorov, “but I used to chew asphalt when I child.”

Vladislav Todorov wurde 1956 in Sophia geboren. Als er ein Teenager war, gab es in Bulgarien kein Kaugummi. Aber weil die Amerikaner in den Filmen ständig Kaugummi kauten, haben er und seine Kumpels sich eben gelegentlich ein Stück Asphalt in den Mund geschoben.

Kurzes, ehrfürchtiges Schweigen im Publikum. Asphalt?

“It’s chewable, but it’s bad for your health”, sagt Vladislav Todorov. “Don’t try that at home.”

Sein Roman ist jetzt auch auf Deutsch erschienen. Sein Verlag hat ihm den Titel “Die Motte” gegeben. Das mit dem Asphalt ist einfach ein bisschen zu krass für uns.

Kolja Mensing

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