20.03.11 | 15:10 Uhr |
Leipziger Buchmesse
Auch Wolfgang Schlüter ist – wie Martin Pollack – ein Grenzgänger im doppelten Sinne des Wortes.
Für seinen neuen Roman “Die englischen Schwestern” ist er mit Unterstützung der Robert Bosch Stiftung nach Tschechien gereist, um in Böhmen zu recherchieren. Doch Böhmen ist tatsächlich nur einer von zahlreichen Schauplätzen und Nebenschauplätzen in dem 400 Seiten schweren Roman, der seine Leser auf Reisen von Berlin bis nach Neapel, von den USA über Irland bis nach Wien und weiter in den Osten nimmt – und das alles dann auf verschiedenen Zeitebenen zwischen der Gegenwart und dem späten 18. Jahrhundert.
Das klingt verwirrend?
Sagen wir es so: Dieses Buch ist recht komplex. Wolfgang Schlüter – Jahrgang 1948, Übersetzer und Schriftsteller – ist auch ein Grenzgänger im ästhetischen Sinne.
Darüber hat er heute mit Guido Graf am Arte-Stand gesprochen: über die Lust an unterschiedlichen Erzählstimmen, über die Transformation von Musik und Malerei in Literatur und wieder zurück und über die mikroskopisch fein gearbeiteten Details, aus denen sein großformatig angelegtes Werk zusammengesetzt ist.
Nur ein Beispiel: das Geschenk, dass der Landschaftsmaler Johann Peter Hofmeister im Jahre 1785 von seiner Schwester Dorothea bekommt, als er nach Italien aufbricht, “eine tabatiére aus schwarzem bein, mit einem goldenen reifen und einer unter glas auf elffenbein gehaltenen miniatur einer nächtlichen scene, in einer mondhellen einsamen gasse stehen zwei schwarzgekleidete männer in betrachtung des wolkigten nachthimels versunken als horchten sie auf eine serenata eine nachtmusique.” Die Kleinschreibung ist Absicht, die Rechtschreibfehler sind historisch legitimiert und mit Bedacht gesetzt: “Genauigkeit”, sagt Wolfgang Schlüter, “hat für mich als Schriftsteller etwas mit Reichtum zu tun.”
Wie entsteht so ein Roman? Ganz einfach, ganz kompliziert: mit der Zeit.
Wolfgang Schlüter erzählt von Reisen, die seine Eltern in den fünfziger Jahren mit ihm nach Italien unternommen haben, von der Landschaftsmalerei, die er als Teenager entdeckt hat, von Automaten aus dem 18. Jahrhundert, die er irgendwann einmal in einem Museum in Wien gesehen hat, von Lektüreerlebnissen, Straßennamen, Begegnungen mit Menschen.
Und er erzählt – mit Blick auf die Details – von einer Schallplatte “mit 17 cm Durchmesser”, die er einst im Schrank seiner Eltern entdeckt hatte. Es handelt sich dabei, so Schlüter, um eine Aufnahme aus “aus den Archivbeständen der Deutschen Grammophon Gesellschaft”, Mozarts Quintett c-Moll, “Köchelverzeichnis 617″, bei der ein sonderbares Instrument namens Glasharmonika zum Einsatz kommt: Rotierende Gläser in unterschiedlichen Größen werden mit dem angefeuchteten Finger berührt und so in Schwingungen versetzt.
Die Geschichte dieses Instruments hat Wolfgang Schlüter in seinen Roman eingearbeitet. Ein paar Takte aus dem Quintett waren bei der Lesung dann auch am Arte-Stand zu hören.
Es war ein schöner, fragiler Abschluss einer Messe, auf der es immer wieder um Splitter und Scherben ging, um politische, literarische und biografische Bruchstücke. Die zerbrechlich schimmernden Klänge lösten sich aus dem babylonischen Stimmengewirr an den Ständen und schwebten gen Himmel, bis sie mit einem feinen, leisen Klirren am sonnenbeschienenen Glasdach der Messehalle zersprangen.
Kolja Mensing